In Jerusalem am Ölberg gibt es eine kleine Kirche mit einem Panoramafenster auf den Tempelberg. Zwischen den Gottesdiensten drängen sich Touristenmassen davor, um die goldene Kuppel des Felsendoms zu fotografieren. Dabei trampeln alle achtlos auf einem viel schöneren, ergreifenderen Bild herum: Einem Stück uralten Mosaikboden aus dem 5. Jahrhundert. Es zeigt 28 purpurfarbene Herzen, die bei längerem Betrachten zu schweben und zu tanzen scheinen. Die Botschaft verstehen wir sofort: Das rote Herz symbolisiert hingebende Liebe; wenn jemand „sein Herz verschenkt“, verschenkt er sich ganz. Hier brennt jemand vor Liebe.

Warum aber liegt es – leicht zu übersehen – auf dem Boden? Und wer liebt diesen Boden so sehr, dass er an ihn sein Herz verschenkt?

Ich glaube, dass es uns auf Gott hinweist. Gott liebt die Menschen, diese Erde, unendlich. Es ist ihm nicht gleichgültig, was hier geschieht. Er schaut nicht hilflos zu, wenn Dunkles oder Schmerzhaftes über uns hereinbricht. In der historischen Person Jesus von Nazareth ist er deshalb selber auf die Erde gekommen. Er hat uns Möglichkeiten gezeigt, viele Dunkelheiten zu verhindern oder zum Guten zu wenden. Er will uns helfen und in seiner Liebe bergen, wo wir dem Leiden ausgeliefert sind. Er hat allem eine neue Richtung gegeben, die im Guten enden wird. In Jesus hat Gott unsere Erde, den Boden, voller Liebe „geküsst“. Und er ist mit dieser Liebe bei uns geblieben. Man kann sie spüren und erleben. Sagen die Herzen.

Das ist meine Hoffnung. Daraus lebe ich – ganz besonders in den schweren Zeiten, die immer wieder mal kommen. Das ist kein billiger Optimismus. Der lügt sich nur vor, dass „alles schon nicht so schlimm wird“. Aber manchmal wird es schlimm, und dann ist der Optimist hilflos. Die Hoffnung ist eine Kraft, die dunkle Zeiten aushalten lässt und den Mut zum Neuanfang schenkt. Die uns kämpfen und nicht aufgeben hilft. Weil ich glaube, dass Gott bei mir ist und mich sogar da noch trägt, wo mir das Leben den Boden unter den Füßen wegzieht. Weil ich glaube, dass Gott mein Boden ist.

Aber: Echte Liebe ist diskret. Sie drängt sich nicht auf. Sie wartet. Und ist deshalb leicht zu übersehen. Wie die Herzen auf dem Boden. Wie Gott.

Doch wenn wir aufmerksam hinschauen, können wir ihn überall um uns in vielen Zeichen und Menschen entdecken. „Herz spricht zum Herzen“, sagt eine alte Erfahrung. Dafür braucht es nur einen neuen Blick. Einen, der sich nicht fesseln lässt vom Pompösen, Glänzenden und Vordergründigen. Den Blick der Liebe.

Liudger Gottschlich

Pastor